Lillet

Der Sommer geht zu Ende
der Lillet auch

es war ein heißer
berauschender Sommer
die Beeren froren im Glas
der Alkohol beflügelte die Sinne

Chinin erfrischte den Gaumen
Eiswürfel schmolzen schneller 
als ich den Sommer schlürfen konnte


die Falsche ist leer 
der Sommer vorbei
die Spinnen weben 
ihre Netze

häuslich werden, zurückkehren
das Haus wieder bewohnen
den Garten verabschieden

noch bin ich dazu nicht bereit
noch will ich draußen schlafen
unter dem Sternenzelt
Sternschnuppen zählen

Sommer konservieren

Der Sommer neigt sich dem Ende 
ich bin noch nicht bereit für den Herbst

Ich will noch wärmende Sonnenstrahlen 
in mich aufsaugen und konservieren

Ich will noch im Meer baden
das Wasser durch meine Haut
in alle Zellen schleusen

Den warmen Wind 
durch meine Haare streifen lassen

Ich will die Helligkeit 
hinter meinen Augenliedern speichern

Das satte Grün der Wiesen
den Duft der überreifen Brombeeren
noch ein mal bewußt genießen

Konservieren, Haltbar machen für die langen Wintermonate
Ich bin noch nicht bereit Abschied zu nehmen

Das Geheimnis

Wir nahmen uns in den Arm
Trost spenden
gemeinsame Trauer um den Verlust

Erst fühlte es sich richtig an
dann war der Moment zu lang
er wurde unangenehm

Deine Tochter ließ dich zurück weichen
Sie ging
Du kamst wieder näher 
das durftest Du nicht tun!

oh, wäre Sie doch geblieben!
Sie war die
mit der hätte Ich sein sollen
nicht mit Dir!

Du warst sein Vater
Seine Stelle solltest du nicht einnehmen
Er hat diese Lücke hinterlassen
die Keiner füllen konnte

Was sollte das?
Das war zu viel
unerhört
unangebracht
lass mich los
gehe aus meinen Körper!

Du Scheusal!

Ich löse mich von Dir
ich wende mich stumm ab 
von der ganzen Familie
hat Sie es je erfahren?
Hast du es Deiner Frau gesagt
warum Ich nicht mehr komme?

Heute spreche Ich

egal ob Du noch lebst
Er lebte damals schon nicht mehr

Ich habe diese Trauer nie überlebt
sie versteckt, verdrängt
Du hast den Schrecken 
noch größer gemacht
verantwortungslos!
übergriffig!

verstört
stumm
ohne Worte
zog ich von dannen
mit diesem Geheimnis
der Last 
Dieses Kusses

Textprojekt Körper: Bikinifigur

Madame Flamusse hat meinen Beitrag zur Blog-Parade auf ihrem Blog „Reingelesen“ veröffentlicht.

reingelesen

Von der Bikinifigur* bin ich weit entfernt. Darum kaufe ich mir keine Bikinis und ziehe auch keine mehr an. Ich fahre mit dem Rad zum See, in den FKK-Bereich und schwimme nackt. Das spart auch die Frage, ob ich nach dem Schwimmen den nassen Bikini ausziehe und einen trockenen an. In der Badetasche ist auf diese Weise mehr Platz für ein Buch.

Wenn ich an anderen Seen die jungen Frauen in ihren Bikinifiguren, mit der feuchten Badebekleidung und dem Handtuch, dass sie um sich geschlungen haben, um ihren Körper vor den Blicken anderer zu verstecken, ringen sehe, denke ich: „Da haben sie nun den begehrten, angestrebten, jugendlich, elastisch, schlanken Körper und ziehen sich doch so schamvoll um, damit ihn niemand sieht. Dann breite ich mein Laken aus, lasse ein Teil nach dem anderen darauf fallen, allen, die mich dabei beobachten, mute ich meinen Körperanblick zu: Schaut, so sieht ein Körper…

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Der Mantel der Traurigkeit

Der Mantel der Traurigkeit 

als ich das Schiff betrat
legte er sich 
wie selbstverständlich
um mich
als hätte er im Hafen gewartet

wo ich ihn 
beim Betreten der Insel 
sorgfältig an einen Fischerhaken
hängte

dort schien er auszuharren
in der Gewissheit
ich käme wieder
in der Irrung
ich bräuchte ihn nochmal

wirr verhedderten sich 
seine Ärmel und meine Hände
ich will ihn nicht
mitnehmen an Land
er nicht bleiben ohne mich

so stopfte ich das Widerspenstige 
in den großen Koffer 
dass er platzte
Zangen hielten ihn zusammen

so rufe ich hinaus 
aufs Meer:
Wer hat Bedarf an einem großen Mantel?
Ich bin bereit zu teilen!

Auf der Suche

Ich bin immer auf der Suche
nach Wärme 
Zuneigung
Verständnis
- Liebe

Ich suche und suche 
finden tu ich es nie 
was ich suche
ständig auf der Suche

auf der Suche
nach jemanden
der mich versteht
bei dem ich mich geborgen fühle
auf den ich mich verlassen kann
auf den ich mich einlassen kann

Auf der Suche
nach jemanden
den ich verstehe
dem ich Geborgenheit biete
der sich auf mich verlässt
der sich auf mich einlässt

Ich komme ein Schritt auf dich zu 
Du kommst ein Schritt auf mich zu 
Wir öffnen unsere Arme und Herzen
Wir lassen uns einander ein


August 1989

Der Wind


Ich höre ihn 
er setzt die Blätter der Kastanie
in Schwingung
streift zwischen sie hindurch

Ruhe, Frieden, Alleinsein
Die Birkenzweige tanzen im Grün 
den Rhythmus bestimmt 
der Wind

Trotzig strecken die Gänseblümchen 
ihren Kopf in die Höh
Voller Lebenslust platzen 
des Flieders Blüten auf
verteilen ihren Farbduft

zart sprießen Keime 
nach oben ans Licht
seiner Lebensfreude Ausdruck verleihend 
springt Kater über den Rasen
auf den Baum
ins Haus 
zurück auf die Wiese

Blumenwiesen kann man nicht mitnehmen
Schmetterlingen fliegen von Blüte zu Blüte
befruchten ihren Kern
Sie strahlt für sich

Der Wind 
streift die Kastanie
Chesnut-Bud - klebrig, festhalten am Alten
Zarte Blätter drücken sich heraus
noch haben sie nicht ihre endgültige Größe
gleichschon strecken spitze Blütenstiele empor

wie wird es weiter gehen 
mit dir, mit mir?
bis zum Herbst
wenn die Früchte fallen?
Lebenslauf der Natur
Dümmerlohausen 1999